
Dies ist die Website und das Blog zum Buch "Wir nennen es Arbeit – die digitale Bohème oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung" von Holm Friebe und Sascha Lobo. Das Buch handelt davon, wie eine neue Klasse von Selbstständigen mit Hilfe digitaler Technologien dem alten Traum vom selbstbestimmten Arbeiten in selbstgewählten Kollektivstrukturen ein gutes Stück näher kommt. Das Blog schreibt das Buch fort, gibt Updates zu den einzelnen Kapiteln und informiert über neueste Entwicklungen und Frontverläufe im Kampf um den Individualismus 2.0.
08.11.2006 | 11:26 | Holm Friebe | - Bohème und Big Business
So. Endlich mal ein Verriss! Und zwar heute in der Financial Times Deutschland, somit durchaus satisfaktionsfähig. Verfasst von einem gewissen Gregor Kessler, darin unter anderem dieser allesvernichtend geronnene Schlusspart:
Je tiefer sich das Buch in die interaktive Wunderwelt des Web 2.0 vorarbeitet und desto mehr wirkt es wie ein überfüttertes Mastschwein. Die Knochen der digitalen Boheme sind zu schwach, um das schwere Fleisch der übereifrig zusammengeklaubten Empirie zu tragen. Schliesslich bricht das Tier zusammen: Der Nachweis der überlebensfähigen Existenz einer neuen Boheme ausserhalb der Berliner W-Lan-Cafés bleibt aus.
Aber sagen Sie mal, Herr Kessler, der Sie aktennotorisch eher für linkslastige Organe wie die Taz oder den Textem-Verlag und dessen gleichnamiges Online-Magazin arbeiten, wo man unser Buch, resp. die Hamburger Lesung, resp. das Publikum dort auch nicht besonders mochte, und für das Schweineblatt FTD nur im Dienste der hehren Aufklärung und subtilen Subversion ihre klugen Zeilen zur Verfügung stellen, ohne dabei jedoch Ihren wahren Standpunkt – Sie würden wahrscheinlich Sprecherposition sagen – offen zu legen: Hängt da nicht das Bild ein bisschen schief? Müsste in ihrer Metapher nicht, wo Sie uns doch im letzten Satz Substanzlosigkeit attestieren, eher das Fleisch auf den Knochen fehlen, als das Mastschwein immer fetter werden, bis es zusammenbricht? Oder kommt einem so etwas in den Sinn, wenn man zu lange von den Fleischtöpfen des Kapitals genascht hat? Nur mal so.
P.S.: Heute besteht übrigens Gelegenheit, sich im Rahmen einer Lesung im Berliner Radialsystem mit eigenen Augen vom ordnungsgemässen Füllzustand des Mastschweins zu überzeugen.
07.11.2006 | 11:52 | Holm Friebe | - Der unflexible Mensch
Im Kino gewesen. Gelacht. Und zwar nicht über "Borat" (darüber natürlich auch), sondern über "Der Teufel trägt Prada". Und zwar nicht nur, weil er teilweise wirklich mit ein paar guten Gags und Dialogen aufwartet, sondern weil fast der gesamte Bildungs- und Heldenreise-Plot, des Films ausschliesslich daraus besteht, dass die mauerblümchenhafte Heldin Andrea, genannt Andy, es sukzessive schafft, sich den überzogenen Leistungserwartungen und sonstigen biopolitisch-selbstdisziplinatorischen Anforderungen eines Horrorjobs unter der Fuchtel der bis zum Sadismus tyrannischen Chefredakteurin eines Modemagazins (sehr gut gespielt von Meryl Streep) anzupassen. Dass sie sich ganz am Ende pseudo-emanzipiert und den Weg in den "seriösen" Journalismus findet: geschenkt!
Dass sich der Heroismus der gebeutelten subalternen Angestellten als Identifikations- und Projektionsfläche für das Heer aller Mühseligen und Gemobbten dort draussen eignet, blieb von den zahllosen Sekretärinnenzeitschriften nicht unbemerkt, die den Film und die darin gefeatureten Ego-Accessoirs heftig cross-promoteten und damit erst zum Box-Office-Erfolg machten. Bestand der Heroismus des kleinen Angestellten C.C. Baxter in Billy Wilders "The Appartement" noch in der allmählichen Auflehnung gegen das höllische System, wird hier auf Spielfilmlänge die Anpassung und Überaffirmation, die keine Subversion mehr kennt, gefeiert und in kleinen Lerneinheiten zum zu Hause und in der Firma nachspielen vorexerziert. Dass einem damit "nach nur einem Jahr Durchhalten" alle Türen offen stünden, ist die am Stock vor die Nase gebundene Mohrrübe und – im realen Angestellten-Leben – der Zug, der niemals kommt. Aber wenigstens helfen Filme wie dieser, die eigene missliche Ausbeutungssituation als glamourös wahrzunehmen und ins Heldenhafte zu stilisieren. Wir sollen lernen, uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen.
P.S.: Dazu passt (nicht wirklich) ein Ausspruch des Modebranchen-Aussteigers und grossen Verweigerers Helmut Lang, der im aktuellen Spiegel die Quintessenz seines Arbeitslebens zusammenfasst mit: "In der Zeit, in der du nicht versuchst, produktiv zu sein, bist Du in Wahrheit wirklich produktiv." So wollen wir es auch halten.
05.11.2006 | 17:10 | Sascha Lobo | - Der unflexible Mensch | - Kommunizierende Röhren | - Virtuelle Mikroökonomie
Unter Bezugnahme auf unser Buch schreibt Nico auf Jackpotbaby.de diesen schmucken Text (Vollzitat):
"Heute morgen erstmal einen Kaffee geholt. Dann Mails gecheckt und ein wenig Spiegel Online gelesen. Anschliessend Lokalzeitung geschnappt und damit aufs Klo verdampft. Auf dem Rückweg am Colaautomat die Schilder vertauscht. Vorn am Stehtisch ein Schwätzchen mit dem Lieblingskollegen gehalten, gemeinsam den neuen Praktikantinnen auf die Hintern geschaut und versucht, sie im Vorbeigehen zu streifen. Danach anfallende Arbeit per Mail wegdeligiert. Telefon ins Nachbarbüro umgeleitet. Aus dem Fenster geschaut. Praktikanten verscheissert. Und schon war Mittag.
Pause überzogen. Auf dem Weg zum Schreibtisch Kaffee geholt. Der Kollegin, die ihren Rechner nie versperrt, die Tastatur auf Englisch umgestellt und Wordverknüpfung vom Desktop geworfen. In die alleinstehende Limo am Nachbarplatz gespuckt. Und noch 'nen Zehner aus herumliegendem Portemonnaie gegriffen. Privat gechattet. Am Sack gekrault. Ein Brötchen verdrückt. Nackedeiseite angesurft. Was bei Amazon bestellt. Und schon war Kaffeepause.
Bei Mohnkuchen mit der Abteilung den Neuen gemobbt. Kaffeesahne vor der Nase alle gemacht und so. Den Rest der Arbeitszeit bissl bei eBay umgeschaut, dabei weggenickt. Viertelstunde früher gegangen.
Beim Verlassen des Fahrstuhls nochmal alle Knöpfe gedrückt, um Verfolger abzuschütteln.
Schwarz mit der Bahn zum unversteuerten Nebenjob gefahren.
Weiss gar nicht, was an Festanstellung so schlimm sein soll."
Wir wissen es ja auch nicht so genau. Denn eigentlich folgen wir einer von del.icio.us-Userin antischokke aufgestellten Regel, die ich jüngst zufällig beim Egozwonullen (Google [normal und Blogsearch], Technorati, del.icio.us) entdeckte:
"Blog zum Buch von Sascha Lobo und Holm Friebe. Die Autoren erklären in dem Buch, wie man Arbeit simulieren und dennoch Erfolg und Geld einfahren kann, wenn man nur gut frisiert ist und im Internet irgendwas behauptet."
Viel präziser wird es nicht mehr gesagt werden können. Wir bitten um Abdruckmöglichkeit für die nächste Auflage.
[Nachtrag: Die Formulierung ist ursprünglich von Tex Rubinowitz auf der Riesenmaschine. Hatte ich vergessen. Lustig.]